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Gott wird Mensch in Witten und Weihnachtsgedanken

Von Krippe und Kreuz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Weihnachtsgrüße liegen in den Kirchen zur Abholung bereit.

 

Meine Weihnachtsgedanken

Wir leben in einer verrückten, verdrehten aber auch bedrohlichen Zeit. Wir erleben unsere Grenzen. Grenzen des Machbaren, Grenzen der Geduld, Grenzen der Gewohnheiten, Grenzen der Akzeptanz von politischen Maßnahmen, Grenzen des menschlichen Umgangs miteinander.

Obwohl doch auch vor der Pandemie die Bedrohung und Gefährdung des Lebens schon gegeben war, lässt uns Corona noch deutlicher erleben, dass wir auf dünnem Eis wandeln oder auf einem Hochseil über einem Abgrund balancieren. Tag für Tag!

 Die Vorweihnachtszeit, man mag schon nicht mehr von Advent sprechen, hat zum Hauptthema: „Wie können wir unter den Bedingungen der Pandemie mit der Familie Weihnachten feiern?“ Und in den Kirchen unternimmt man alles Mögliche, um die Anzahl der Plätze für die erwarteten und erhofften Gottesdienstbesucher noch zu erhöhen.

Die Regierenden haben das Volk zunächst in den Lockdown light geschickt. Der Erfolg blieb aus. Nun geht es in den kompletten Lockdown bis mindestens zum 10. Januar 2021. Damit liegt über dem Weihnachtsfest eine Schwere, ausgelöst durch ein Virus, das nicht weichen will, gegen die das Leuchten und Funkeln der Weihnachtsbeleuchtung kaum ankommt. Es fehlt in diesem Jahr das Herzberührende, das Heimelige, das Heimatgebende.

Es fehlt aber auch das Klingeln der Geschäftskassen, der Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, die positive Bilanz des Einzelhandels. Der Geschäfte- und Partyplanet hat Pause. Stattdessen lauert überall die Sinnkrise, die Überforderung an Leib und Seele, der düstere Blick in die Zukunft.

In diese Situation sprechen wir aus dem christlichen Glauben an Weihnachten: „Fürchtet euch nicht … Ehre sei Gott…. Friede den Menschen…“ Und wir bekennen, dass das Kind, das wir in der Krippe betrachten, Gottes Sohn ist, Gott selbst, Mensch geworden in unserer Geschichte.

Geht das überhaupt? Klingt das nicht zynisch?

Ich habe in den vergangenen Tagen viel über die Weihnachtsbotschaft nachgedacht. Ich bin dabei immer wieder am Karfreitag angekommen. Mitten in der Katastrophe, in der Zerstörung von Illusionen und der gewalttätigen Beseitigung eines Menschen, der nicht ins Konzept passte, ja, dem die Gotteslästerung vorgeworfen wurde.

Der Karfreitag entlarvt uns, macht sichtbar, wer wir auch noch sind. Eben nicht nur die Lichtgestalten der Schöpfung, sondern auch die, die Dunkelheit und Verderben in sich tragen und ausleben.

„Nein“, werden jetzt vielleicht viele ausrufen, „bitte nicht uns wieder einreden, dass wir doch alle Sünder sind“. Typisch Kirche, aber das braucht nun niemand mehr!

Aber es geht nicht darum, den Menschen etwas einzureden, um sie gefügig, hörig und angstbeladen zu machen.  Es geht schlicht und einfach darum, alles anzunehmen, nichts mehr zu verstecken, Ja zu sagen, zu allem, was das Leben ausmacht. Und dazu gehören eben auch die Schattenseiten und der Tod. Annehmen heißt aber nicht, die Geschehnisse zu bagatellisieren oder gar gutzuheißen.

Die Karfreitagsseite von Weihnachten ist in den biblischen Texten ständig gegenwärtig. Der verhasste Kaiser in Rom lässt seine Untertanen seine Macht spüren, indem er sie durch das Land treibt, damit sie sich in Steuerlisten eintragen. Der Cäsar braucht Geld für seine Feldzüge und um das Unterdrückungsregime aufrechtzuerhalten. Alles ist auf den Beinen, sucht Herberge und findet eben manchmal nur einen Stall. Schlechte Startbedingungen für ein neues Leben, das aus einer gar nicht so Heiligen Familie sprießt. Die ersten Gratulanten sind zwielichtige Gestalten, die man sich vielleicht so kurz nach der Geburt nicht zu Gast wünscht. Ein paar Tage später geschieht der entsetzliche Kindermord durch die Schergen eines eifersüchtigen Tyrannen. Wir begehen das als Fest der unschuldigen Kinder. Jesus wird nur dadurch gerettet, dass seine Familie nach Ägypten flüchtet.

Und über all dem liegt der Gesang der Engel: „Fürchtet euch nicht … Ehre sei Gott…. Friede den Menschen…“ Und wir bekennen, dass das Kind, das wir in der Krippe betrachten, Gottes Sohn ist, Gott selbst, Mensch geworden in unserer Geschichte.

Deutlicher kann Gott uns nicht ansagen, dass er in ganzheitlicher Weise alle Seiten des Lebens annimmt, indem er selbst mitten hineinsteigt, immer tiefer, bis zum Karfreitag, wenn wir im Glaubensbekenntnis sprechen: „Hinabgestiegen in das Reich des Todes.“

Gott nimmt uns radikal an und ermutigt uns, dies auch mit uns selbst zu tun. Die Psychologen und Weisen sagen: „Nichts kann geheilt werden, was nicht angenommen ist.“

Wenn wir Weihnachten an der Krippe stehen, dann dürfen uns die Gefühle überwältigen von Sehnsucht nach Frieden, Angenommensein, ein Zuhause haben zu wollen, Liebe zu empfangen und geben zu können. Wenn wir glauben können, dass dieses lächelnde Kind im Stroh Gott selbst ist, dann ist es nicht mehr nötig, Weihnachtsschnee und Puderzucker über das Leben und das Fest zu streuen und sich einer Illusion von heiler Welt hinzugeben. Die geöffneten Arme des lächelnden Kindes sind dieselben, wie die des barmherzigen Vaters, der seinen herumirrenden und unter die Schweine geratenen Sohn ohne wenn und aber annimmt.

Wie wäre es befreiend in unserer Kirche, wenn es die Würden- und Verantwortungsträger hinbekommen könnten, zu den grausamen Seiten ihrer Institution zu stehen und Konsequenzen daraus zu ziehen. Verantwortung zu übernehmen, zu verstehen zu versuchen, warum Kindern, Jugendlichen, Frauen und Männern durch sexualisierte und klerikale Gewalt so viel Leid geschehen ist. Vor Gott und den Menschen „Ja“ zu sagen zu den dunklen Seiten, aufzuhören, zu vertuschen, zu verstecken. Dies könnte ein erster Schritt zur Heilung vieler Wunden und zur Erneuerung einer Kirche sein, die doch den Auftrag hat, das Heil zu stiften.

Wie wäre es befreiend in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, könnten die Mächtigen es hinbekommen, auf das ewige Geprotze und den Kampf der Systeme zu verzichten, könnten in öffentlichen Debatten alle Drohungen, Beleidigungen und Herabwürdigungen verschwinden, alle Hahnenkämpfe und Zickenkriege ausgeschaltet, ja, könnte das riesige Werk der Verdrängung der Schattenseiten gestoppt werden.

Mit Weihnachten beginnt der Weg Gottes der radikalen Annahme, die schmerzhaft ist und Gott und Mensch an den Rand des Erträglichen bringt. 

Corona hat in diesem Jahr den Weihnachtszauber, den wir doch so lieben, so sinnenfällig aus der Welt gekehrt wie sonst keine andere Katastrophe. Durchdringen wir unsere Angst, unsere Enttäuschung und Wut, damit wir dann die Erfahrung von Ostern machen können. „Er lebt,“ war die Botschaft des Engels. Wenn er lebt, dann leben wir auch, jetzt schon. Dann können wir mit einer Kraft leben, die wir bisher nicht ahnten. Eine Kraft, die wir erfahren, wenn jemand uns sagt: „Du bist angenommen, ganz und gar und immer.“

In den biblischen Texten sind wir schon bald bei der Taufe Jesu. „Du bist mein geliebter Sohn. An dir habe ich Gefallen,“ wird Jesus in seinem Innern vernehmen. Da ist er sich ganz sicher.

Sein Gott ist unser Gott. „Du bist meine geliebte Tochter, mein geliebter Sohn.“ Gott hört nicht auf, diesen Satz tausendfach und Tag für Tag allen Menschen zu sagen. Wann sagst du es dir selbst, wann glaubst du Gott und dir selbst? Das Kind in der Krippe weckt in uns die Sehnsucht nach diesem Glauben. Er macht uns menschlich, göttlich menschlich. Er befreit uns aus dem Gefängnis der Scham, der Verzagtheit, dem Versuch, vor uns selbst zu fliehen. Wir kommen an bei uns selbst und landen in Armen des lächelnden Kindes, die Arme des Vaters ahnend.

Dieter Fender, Gemeindereferent